Bloody Mary – Geschichte und Rezepte

Die Bloody Mary gehört zur Gruppe der Corpse Reviver, die auch als sogenannte „Katergetränke“ (englisch: Pick-me-ups) bekannnt sind. Wie bei den meisten Cocktails, so kursieren auch hier nicht nur vielerlei verschiedene Rezepte, sondern auch unterschiedliche Geschichten zur Herkunft dieses Mixgetränks. Nach heutigem Wissensstand fand die Erfindung der Bloody Mary in vier Schritten statt: Die Grundlage wurde in Florida gelegt, die Verfeinerung in Paris und New York, und die Vollendung in Chicago:

Der Hollywood-Schauspieler George Jessel mischte 1927 nach einer durchzechten Nacht in einer Bar in Florida eine verbliebene Flasche Wodka mit Tomatensaft, um den Kater aller Anwesenden zu dämpfen. Kurz darauf soll eine Freundin namens Mary Brown Warburton ihr weißes Kleid mit dem neuen Drink bekleckert haben, worauf sie ausrief “Now you can call me bloody Mary, George!”. Diesen Ausruf soll Jessel als Namen für den Drink verwendet haben, was später noch zu einer Auseinandersetzung mit Warburtons Freund, dem Comedian Ted Healy geführt haben soll, der Jessel daraufhin zu erschießen versuchte.

Während der Prohibition wurde dieser Drink dann auf den Getränkekarten einfach als „Tomato Juice Cocktail“ aufgeführt, was einen alkoholfreien (und somit legalen!) Drink bezeichnen mochte – schließlich sieht man nicht, ob der Tomatensaft mit Vodka „meliorisiert“ wurde! (Eine ähnliche Geschichte kennt man ja vom „Long Island Ice Tea„…)

Die oft koloportierte Version, die Bloody Mary sei nach der englischen Königin Maria I. Tudor benannt worden, gehört dagegen höchstwahrscheinlich ins Reich der Legende, liegen zwischen Maria Tudor und der Erfindung der Bloody Mary doch immerhin vier Jahrhunderte…

Tatsächlich war es wohl der Bartender Fernand „Pete“ Petoit in Harry’s New York Bar in Paris, der den größten Anteil an der Erfindung der Bloody Mary hat. Er fügte Anfang der 1920er Jahre dem Gemisch aus Vodka und Tomatensaft die würzigen Elemente hinzu, die eine Bloody Mary so bekömmlich machen. Nach eigenen Aussagen verwendete Petiot allerdings Tomatensaft aus Dosen, diese gab es aber erst einige Jahre später, gegen Ende der 1920er Jahre. Wahrscheinlich hat sich Petiot in seiner Erinnerung also um einige Jahre vertan, zumal er ja, wie erwähnt, George Jessel einen Anteil an der Erfindung der Bloody Mary zugesteht, der wiederum von 1927 spricht. Dies würde übrigens auch erklären, warum das Rezept der Bloody Mary in den ersten Ausgaben von Harry’s ABC of Mixing Cocktails nicht auftaucht. Tatsächlich erscheint der Begriff Bloody Mary als Bezeichnung für den Drink erstmals 1939 in einem Artikel von Walter Winchell in der Chicago Tribune. Das erste Barbuch, in dem die Bloody Mary unter diesem Namen zu finden ist, war gar erst The Stork Club Bar Book des bekannten amerikanischen Schriftstellers und Feinschmeckers Lucius Beebe, das erst 1946 erschien:

The Stork Club Bar Book Bloody Mary:

9 cl Vodka

18 cl Tomatensaft

2 dashes Angostura Bitters (!)

Saft einer halben Zitrone

Shaken oder im Waring Mixer blenden (!)

Immerhin zeigt dieses Rezept, dass an der Bloody Mary auch nach Kriegsende noch herumexperimentiert wurde, was die Zugabe von Angostura Bitters und die Verwendung eines elektrischen Blenders beweisen. Zwar hat sich dieses Rezept nicht wirklich durchgesetzt, einen Versuch ist es aber immerhin wert!

Warum Petiot gerade mit Vodka experimentierte, der in der damaligen Welt der Cocktails so gut wie keine Rolle spielte, erklärt sich daher, dass im Zuge der Oktoberrevolution viele wohlhabende Russen nach Paris emigrierten (der gebildete Russe jener Zeit sprach französisch!) und zu einem wichtigen Kundenstamm von Harry’s New York Bar wurden, natürlich neben amerikanischen Stars wie Humphrey Bogart , Rita HayworthErnest Hemingway und F. Scott Fitzgerald

Vor allem mit Ernest Hemingway hatte Petiot natürlich den idealen „Superspreader“ für seine Kreation gefunden, war Hemingway doch Stammgast in so ziemlich jeder Bar der Welt, die etwas auf sich hielt! So hat Hemingway nach eigenen Aussagen die Bloody Mary 1941 in Hongkong eingeführt, und „trug damit mehr zum Fall der Kronkolonie bei als jeder andere Faktor, die japanische Armee einmal ausgenommen!

Wie aber kam Petiot auf den Namen? Petoits Enkelin Carol Bradley berichtet, dass der Name des Drinks von einem Kunden stamme, der eine schöne Erinnerung an eine Kellnerin hatte, die Mary hieß. Sie habe in einer Bar in Chicago namens Bucket of Blood gearbeitet.[6]

Nach dem Ende der Prohibition in den Vereinigten Staaten siedelte Petiot nach New York um und fand eine Anstellung als Head Bartender in der King Cole Bar des prestigeträchtigen St.-Regis-Hotels (diese Stellung hatte er bis zu seiner Pensionierung 1966 inne!). Da dem Hotelbesitzer, Vincent Astor, der anzügliche Name des Drinks missfiel, wurde er in Red Snapper umbenannt.

Das Red Snapper Originalrezept aus der King Cole Bar:

3 cl Stolichnaya Vodka

6 cl Tomatensaft

1 dash Zitronensaft

2 Prisen Salz

2 Prisen schwarzer Pfeffer

2 Prisen Cayennepfeffer

3 dash Worcestershiresauce

Garnierung mit Zitronenspalte und Selleriestengel

Heutzutage wird der Red Snapper mit Gin zubereitet, was denn auch der einzige Unterschied zur Bloody Mary ist, erstmals taucht dieses Rezept im The London Magazine (Vol.2) von 1960 auf!

In den 1950er Jahren servierte man den Drink dann wieder als Bloody Mary. Zwischenzeitlich hatte der aus Russland in die USA emigrierte Vodkahersteller Wladimir Smirnov sein Unternehmen an Rudolph Kunett verkauft, der es in die USA verlagerte und die Wodka-Marke Smirnoff international bekannt machte. Die Popularität der Bloody Mary seit den 1950er Jahren wird zu einem nicht geringen Teil auf die Marketingaktivitäten von Smirnoff zurückgeführt.

In diesem Zusammenhang ist übrigens zu erwähnen, dass Petiot in einer Werbekampagne von Smirnoff im Jahre 1955, mit 58 Jahren, sich überhaupt nicht so sicher war, dass er die Bloody Mary erfunden habe, wie 18 Jahre später, als er mit 76 seine Autobiographie schrieb. Dazu passt auch, dass in den früheren Ausgaben des berühmten „Harry’s ABC of Mixing Cocktails„, keinerlei Rezept mit Vodka und Tomatensaft auftaucht, ganz zu schweigen von der Verwendung der Bezeichnung Bloody Mary: Erst in einer Anfang der 1950er Jahre erschienenen „New Edition“ (Harry McElhone verstarb 1958) wird das Rezept für die Bloody Mary erstmals unter der Bezeichnung „Red Mary“ aufgeführt…

Gewissermaßen standen also die Oktoberrevolution und der 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten an der Wiege der Bloody Mary: Das 18th Amendment begründete die Prohibition in den USA, was eine weitgehende Verlagerung der Cocktailkultur nach Europa zur Folge hatte, und ohne die Prohibition hätte Harry McElhone die alsbald nach ihm benannte Bar in Paris übernommen, in welcher Petiot arbeitete, und ohne die Oktoberrevolution in Russland wäre Smirnoff niemals in die USA gekommen…

Auch heute besteht die Bloody Mary im Wesentlichen aus Wodka und Tomatensaft, wobei das Mischungsverhältnis variieren kann.

International Bartenders Association Bloody Mary Rezept:

2 Teile (9 cl) Tomatensaft

1 Teil (4,5 cl) Teil Wodka

1,5 cl Zitronensaft,

2–3 dashes Worcestershiresauce

Etwas Tabasco

Selleriesalz

Pfeffer.

Diese Mengenverhältnisse entsprechen grob dem mutmaßlichen Originalrezept vonPetoit.

Bei der Art der Zubereitung besteht weitgehend Einigkeit, dass der Cocktail wegen des enthaltenen Tomatensafts, dem Sauerstoff schadet, nicht geschüttelt werden sollte. Ein Gegenbeispiel ist das bereits erwähnte Harry’s ABC of Mixing Cocktails, dessen Red Mary Rezept das Shaken verlangt.

Bisweilen werden auch heute noch die übrigen Zutaten im Cocktail-Shaker auf Eiswürfeln geschüttelt und der Tomatensaft später verrührt, teilweise alles nur gerührt, teilweise gerollt, das heißt, Zutaten und Eis werden zum Mischen und Kühlen mehrmals vorsichtig zwischen Mixbecher und Glas hin- und hergeschüttet. Ebenfalls umstritten ist die Frage, ob der Cocktail im Gästeglas mit oder ohne Eis serviert werden soll.

Die Vollendung der Bloody Mary, wie wir sie kennen, erfolgte durch die Hinzufügung eines Selleriesticks zum Umrühren, der schließlich als überaus passende Garnitur die zuvor meist an den Glasrand gesteckte Zitronenscheibe verdrängte und dem Drink etwas zum Knabbern hinzufügte. Diese Erfindung wird Butch McGuires Bar in Chicago zugeschrieben, ihr verdanken wir also die Vollendung der Bloody Mary, wie wir sie kennen!

Dass Tomatensaft und Sellerie eine leckere Verbindung eingehen, war freilich schon zuvor bekannt: So erscheint im 1934 erschienenen Buch Here’s How To Be Healthy – Cocktails For Health des Ernährungswissenschaftlers (!) Bengamin Gayerlord Hauser folgendes alkoholfreies Rezept:

Glorified Tomato Cocktails:

1/2 Tomatensaft

1/2 Selleriesaft

1 dash Ungarisches Gewürz macht diesen Cocktail zum Hit Ihrer Party!

(Ungarisches Gewürz, Hungarian Spice, bestand hauptsächlich aus Salz, Knoblauchpulver und Bouillonkonzentrat)

In der alkoholfreien Variante wird der ohnehin geschmacklich nicht hervortretende Wodka weggelassen. Sie wird als Virgin Bloody Mary (Jungfräuliche Bloody Mary) oder einfach nur als Virgin Mary bezeichnet:

Alkoholfreie Bloody Mary:

9 cl Tomatensaft

1,5 cl Zitronensaft

1 dash Worcestershiresauce

1 TL Selleriesalz

frisch gemahlener Pfeffer

2 dashes Tabasco

Selleriegarnitur

In diesem Sinne: Ein frohes Zwischenprost!

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