Wie das Eis in den Cocktail kam

Für uns ist Eis ein selbstverständlicher Bestandteil der allermeisten Cocktails und Mixgetränke, und selbst jene Drinks, die selbst kein Eis enthalten (wie etwa der Martini Cocktail) werden ausnahmslos auf Eis geschüttelt oder gerührt. Deswegen gilt der Grundsatz: In einer Bar darf ALLES einmal ausgehen, sei es Whisky, Tonic Water, Zuckersirup oder sogar die Cola, nur Eis muß IMMER in ausreichender Menge vorhanden sein – ohne Eis keine Drinks!

Doch das war nicht immer so: In der Zeit vor der Erfindung von Kühlschränken und Eisfächern war Eis ein Luxus, der nur im Winter zu haben war. In so genannten „Eiskellern“ versuchte man zwar, Eis aus dem Winter mit mehr oder weniger Erfolg durch Lagerung tief unter der Erde und mit Stroh abgedeckt so lange wie möglich in die warme Jahreszeit hinüber zu retten doch litt hier die Qualität ganz erheblich, und irgendwann im Sommer war eben Schluß mit dem Eis. Und deswegen trank man früher seine Mixgetränke (die man damals noch nicht „Cocktail“ nannte) eben mit Zimmertemperatur…

Vor 210 Jahren, genauer gesagt im Jahre 1805, hatte ein findiger Geschäftsmann aus Boston eine glänzende Idee, für die man ihn damals allerdings für vollkommen verrückt erklärte: Er war der Meinung, daß man in heißen karibischen Gefilden doch bereit sein müßte, ein Vermögen für einen eisgekühlten Drink auszugeben bereit sein müsse! – Die Idee kam ihm, als er auf einer Party im heißen Sommer von Massachusetts die üblichen handwarmen Getränke vorgesetzt bekam, die wenig Genuß und noch weniger Erfrischung bereiteten.

Dieser gute Mann hieß Frederic Tudor (1783 – 1864) und er setzte seine Idee auch gleich in die Tat um: Er ließ im Winter Eis aus dem zugefrorenen Wenham Lake in Massachusetsts stechen und, mit einer dicken Schicht aus Sägespänen isoliert, auf dem Seewege in die Karibik (und anderswohin) transportieren, um es dort zu verkaufen.

Wenn Tudor nun dachte, daß ihm die Kunden sein Eis gleich mit Begeisterung aus den Händen reißen würden, hatte er sich freilich getäuscht: Es dauerte tatsächlich mehrere Jahrzehnte, bis das Eis ihn zu einem reichen Mann machte – bis dahin war er mehrmals vom Bankrott bedroht und mußte sich nicht selten vor seinen Gläubigern und dem Sheriff verstecken.

Hinzu kamen weitere Hürden und Katastrophen, wie sie in der damaligen Seefahrt nicht selten waren: Sein Schiff verlor in einem Sturm sämtliche Masten, Piraten machten ihm das Leben schwer, lokale Beamte hielten die Hand auf und warteten auf Bestechungsgelder, und schließlich starb sogar einer seiner Agenten am Gelbfieber!

Dennoch schaffte Tudor es immer wieder, solche Rückschläge zu verkraften und es gelang ihm, Eis in hervorragender Qualität auf eine mehrmonatige Reise in die Tropen zu schicken, ohne daß ihm zuviel davon wegschmolz. Schließlich fuhren seine Schiffe sogar über den gesamten Ozean bis nach Kalkutta und sorgten dort wie überall für die größte Revolution in der Geschichte der Mixed Drinks!

Freilich mußte Tudor seine potentiellen Kunden auch von der Notwendigkeit der Verwendung von Eis überzeugen – und die ideale Möglichkeit hierzu sah er ganz richtig im Cocktail. Als genialer Geschäftsmann gab Tudor die ersten Eislieferungen an die Cafés auf Martinique (auf den Französischen Antillen in der Karibik) zunächst kostenlos ab und war der festen Überzeugung „daß jemand, der eine Woche lang eisgekühlte Drinks genießen konnte, nie wieder einen nicht eisgekühlten Drink bestellen werde, der auch nicht billiger ist!“

Tudor wußte allerdings auch, daß Eis, sollte es sich wirklich durchsetzen, ständig zur Verfügung stehen mußte und die Lieferkette nicht abreißen durfte. Deswegen unternahm er die größten Anstrengungen, um diese Versorgung zu garantieren. Er ging sogar so weit, nach einem zu warmen Massachusetts-Winter ein Schiff in die Arktis zu entsenden, wo seine Leute einen Eisberg zerhackten und sein Schiff damit beluden!

1833 fand sein erstes Eis-Schiff seinen Weg bis nach Indien, wo es von den dortigen Briten mit Begeisterung empfangen wurde. Der Calcutta Courier ließ sogar verlauten, daß „die Namen derjenigen, die dies planten und auf ihre eigenen Kosten durchführten, zusammen mit anderen Wohltätern der Menschheit der Nachwelt überliefert werden müssen!“ Und gleichzeitig pries die India Gazette Tudor dafür, daß er diesen Luxus für jedermann in jeder gewünschten Menge zu günstigen Preisen erschwinglich machte.

Und schließlich urteilte Alistair Cooke, daß Tudor als „brillanter Vorläufer des amerikanischen Geschäftsmannes und Marketinggenies den Massen den günstigen Erwerb eines Gutes ermöglichte, das zuvor nur wenigen privilegierten Reichen vorbehalten war“! – Und das Eis aus dem Wenham Lake wurde wegen seiner Reinheit und Qualität weltberühmt! Frederic Tudor aber ging als „Ice King“ in die Geschichte ein und starb schließlich im Alter von 81 Jahren als reicher Mann. Er hat mit seinem gewagten Unternehmen die Trinkgewohnheiten der Menschen bis heute verändert, wie kein anderer!

In diesem Sinne: Ein frohes Zwischenprost auf Frederic Tudor!

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