Was ist ein Amaro?

Was ist eigentlich ein Amaro? – Nun, die Übersetzung dieses italienischen Wortes sagt eigentlich schon fast alles: „amaro“ heißt nichts anderes als „bitter„, ein Amaro ist also nichts anderes als ein Kräuterbitter…

In Italien sind Amari so beliebt, daß es eine ganze Reihe davon gibt, von welchen nicht wenige weltweit bekannt und beliebt sind. Allen voran Ramazzotti, Averna, Fernet-Branca und Punt e Mes gehören zum festen Bestand von Bars in aller Welt, wo sie teils pur ausgeschenkt, aber auch oft zur Herstellung hochwertiger Cocktails und Mixgetränke benützt werden.

Ähnlich wie die Bitters (Angostura, Peychaud’s, Orange Bitters etc.) wurden die Amari zunächst von Apothekern zu medizinischen Zwecken kreiert, in erster Linie als Tonikum gegen allerlei Verstimmungen des Magens. Als solche gehen sie auf Vorläufer zurück, die bereits Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert für allerlei Kuren empfohlen hat. Diese wiederum hat sich dabei wohl von dem berühmten vino hippocraticum der Römer inspirieren lassen, der nach dem berühmten Feinschmecker des 1. Jahrhunderts v. Chr., Apicius, schon vor über 2000 Jahren aus Wein mit Honig, Nelken und allerlei weiteren Gewürzen hergestellt wurde, um die Verdauung nach den berüchtigten Orgien wieder ins Lot zu bringen. Kein Wunder, war man doch in Italien schon immer der Meinung, daß eine geregelte Verdauung die Grundlage nicht nur für das allgemeine Wohlbefinden, sondern auch für die psychische Verfassung des Menschen ist: Wer gut verdaut, dem geht es gut!

Erst mit der Zeit ist man dann auf den Geschmack gekommen, diese Amari nicht nur bei Unwohlsein zu sich zu nehmen, sondern generell als Getränk zu genießen – und sei es nur, um einer möglichen Übelkeit vorzubeugen (schließlich trinken wir Alkohol ja ausschließlich zu medizinischen Zwecken…)!

Auch heute noch können und wollen Amari ihre medizinische Herkunft gar nicht leugnen, auch sie hatten ihren ersten Höhepunkt an Beliebtheit während des goldenen Zeitalters des Cocktails erreicht, also um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als sie sich in der guten Gesellschaft von Rom, Paris und anderswo als beliebte Ergänzung zum Kaffee etablierten. Nicht weniger als ungefähr 300 verschiedene Amari wurden seither kreiert, wenn auch der Markt von einigen wenigen Marken beherrscht wird, die sich auch international durchgesetzt haben. Auch heute noch werden etliche dieser Amari von Mönchen in entlegenen Klöstern hergestellt (wie etwa der Amaro D’Abate aus dem Kloster Monte Senario), wenngleich die internationalen Marken heute im großindustriellen Maßstab produziert werden.

Mit dem steigenden Gesundheitsbewusstsein haben die Amari in den letzten Jahren wieder an Boden gewinnen können, nachdem sie in den 1970er und 80er Jahren durch andere Spirituosen in den Hintergrund gedrängt worden waren. Und heute gibt es wohl keinen italienischen Haushalt, in dem nicht eine Flasche Amaro hervorgeholt wird, wenn sich Gäste einfinden…

Amari werden in aller Regel aus einer ganzen Reihe von Kräutern und anderen pflanzlichen Bestandteilen hergestellt, die nach einem geheimen Rezept meist in Neutralalkohol, manchmal auch in Wein, mazeriert und dann mit Zucker versetzt werden. Das Ergebnis ist ein Likör, der meist einen Alkoholgehalt zwischen 16% und 45% hat und sich durch eine dunkle Farbe sowie ein charakteristisches, süßlich-bitteres Aroma ausweist.

Getrunken werden Amari meist in hohen Schnapsgläsern, bisweilen mit Eis oder Zitronensaft versetzt, im Winter auch erwärmt und mit einem Stück Orangenschale serviert.

Hier nur einige der wichtigsten Amari Italiens, die in jeder guten Bar zu finden sind (der Campari zählt, trotzdem er sehr bitter ist, nicht zu den Amari, sondern wird als Aperitivo bezeichnet):

Averna:

Als „Amaro Siciliano“ weltweit bekannt, gehört der Averna in Italien selbst zu den absoluten Bestsellern. Sein Rezept soll von dem Kapuzinermönch Fra Girolamo stammen, der ihn Anfang des 19. Jahrhunderts als Magentonikum kreierte. Nach seinem Tod erhielt sein Freund, Salvatore Averna, das Rezept. Seit 1868 wird im sizilianischen Caltanissetta der Averna nach dem Originalrezept produziert, das 60 verschiedene „Botanicals“ anführt, die 40 Tage lang in Neutralalkohol mazerieren und vor der Abfüllung zwei Monate in Eichenfässern reifen, bevor er mit 29% Alkoholgehalt abgefüllt wird. Kräftig und herzhaft im Geschmack, wird der von dunkler, rotbrauner Farbe geprägte Averna entweder pur, mit einigen Tropfen Zitronensaft oder als Zutat zu verschiedenen Mixgetränken und Cocktails genossen, wie zum Beispiel im Dolce Amaro mit Orangenlikör und Espresso oder als Desmo Devil mit Gin und Tonic Water.

Fernet Branca:

Einer der führenden Amari Italiens  und weltweit, geht er auf den in Mailand ansässigen Apotheker Bernardino Branca zurück, der ihn 1845 als Medizin erfand. Daraus wurde ein Riesengeschäft, und schließlich wurde die „Distillerie fratelli Branca“ daraus, die bis heute in Familienbesitz ist. Das geheime Rezept umfasst 27 Botanicals wie Aloe, Enzian, Kamille, Safran und Holunderblüten, die in Neutralalkohol mazerieren, mit Zucker versetzt und vor der Flaschenabfüllung ein ganzes Jahr in Eichenfässern reifen, bevor mit einem Alkoholgehalt von 39% abgefüllt wird. Fernet Branca gilt als der wirksamste Magenbitter bei allen Verdauungsbeschwerden und hilft auch bei hohem Fieber und allerlei sonstigen Beschwerden. Der kastanienbraune Fernet hat ein kräftiges, bitter-süßes Kräuteraroma mit deutlich holzigem Einschlag und wird entweder mit Espresso als „Caffè corretto con Fernet“ oder in einer ganzen Reihe Cocktails, wie etwa dem Fanciulli Cocktail mit Bourbon und Vermouth getrunken (dieser Cocktail taucht schon in dem 1931 erschienenen Buch „Old Waldorf Bar Days“ auf.

Ramazzotti:

Ramazzotti wurde von dem ebenfalls in Mailand ansässigen Apotheker Ausano Ramazzotti schon 1815 kreiert (die Mailänder scheinen häufig an Magenverstimmung zu leiden…). Heute zu Pernod Ricard gehörend, wird nach wie vor bei Mailand nach dem geheimen Originalrezept produziert, das 33 Botanicals, wie Orangenschalen, Engelwurz, Vanille und Sternanis sowie Chinin vorschreibt. Abgefüllt wird der dunkelbraune Ramazzotti mit 30% Alkoholgehalt, süß, bitter und mit einer leichten Zitrusnote versehen, wird er entweder pur oder auf Eis getrunken oder als Teil verschiedener Cocktails, wie zum Beispiel als Ramazzotti Sour mit Grenadine und Zitronensaft oder als Ramazzotti Rosato Mio mit Prosecco und Basilikum.

Punt e Mes:

Punt e Mes wurde von der Carpano-Familie in Turin 1870 erfunden und heute von Fernet Branca hergestellt. Der Name Punt e Mes bedeutet in der Sprache des Piemonts „ein Punkt und ein halber“ und soll von einem Bankier stammen, der sich in der Bar der Carpanos stets in die Börsenkurse der Zeitungen vertiefte. 50 Botanicals gehören zum geheimen Rezept, mazeriert werden diese allerdings nicht, wie bei den meisten anderen Amari, in Neutralalkohol, sondern in Rotwein, woher nicht nur die dunkelrote Farbe, sondern auch das vergleichsweise milde, von einem Hauch Rosinen geprägte Aroma stammt. Getrunken wird der mit 16% abgefüllte Punt e Mes meist auf Eis oder als Ersatz für Vermouth im Negroni oder im Manhattan, gerne auch mit Bitter Lemon oder Tonic Water als Longdrink.

Carpano Antica Formula:

Der Carpano Antica Formula wird heute ebenfalls von Fernet Branca produziert, das Rezept stammt von dem in Turin ansässigen Weinhändler Antonio Benedetto Carpano, der schon 1786 genau 50 Botanicals auswählte und mazerierte, womit er den ältesten heute noch erhältlichen Amaro kreierte. Die Botanicals werden in Moscato-Wein mazeriert, der Antica Formula ist von rötlicher Bernsteinfarbe und wird von einer würzigen Vanillenote beherrscht. Bitter-süß im Geschmack, wird er mit 16,5% abgefüllt und gilt als der ausgewogenste Amaro überhaupt. Er wird pur getrunken oder für Cocktails wie den Peto Martini (mit Gin und Vermouth) oder als Ersatz für Vermouth im Negroni oder im Manhattan gebraucht.

In diesem Sinne: Ein frohes Zwischenprost!

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