Income Tax Cocktail

Ein weiterer Klassiker unter den Cocktails trägt den unheilschwangeren Namen „Income Tax“ (Einkommensteuer). Doch warum gab man einem Cocktail überhaupt den prosaischen Namen „Einkommensteuer„? – Nun, vor 1942 war die Einkommensteuer in den USA das Problem für eine kleine, sehr reiche Minderheit, Otto Normalverbraucher kam nie in Verlegenheit, eine solche entrichten zu müssen, da er einfach zu wenig zu versteuern hatte.

Doch das änderte sich mit dem II. Weltkrieg: Die mit dem Kriegseintritt der USA notwendigen umfangreichen Rüstungsausgaben mußten schließlich finanziert werden, und die Folge davon war ein gewaltiger Anstieg der Einkommensteuer durch die kräftige Senkung der Steuerfreibeträge – aus der Reichensteuer war eine Steuer für fast alle Bürger geworden. Dieses Phänomen nannte man in den USA „a shift from class tax to mass tax„!

Und vielleicht war es ja ganz einfach so, daß der Drink nach der Erstellung der Einkommensteuer von so manchem Steuerzahler als Belohnung genossen wurde? – Was freilich nicht ganz ungefährlich sein konnte, wie der Altmeister der amerikanischen Science Fiction-Schriftsteller, Robert Anson Heinlein meinte: “Be wary of strong drink. It can make you shoot at tax collectors… and miss.

Doch liegen die Wurzeln des Income Tax Cocktails weiter zurück: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde im New Yorker Luxushotel The Waldorf Astoria ein Cocktail mit der Bezeichnung „The Duplex“ serviert, der aus gleichen Teilen französischen und italienischen Vermouths bestand und mit Orangenschale abgespritzt und mit zwei dash Orange Bitters versetzt wurde. Auf dieser Grundlage kreierte der dortige Bartender Johnnie Solon einen neuen Drink, der aus zwei Teilen Gin und einem Teil frisch gepresstem Orangensaft bestand, welchen er je einen dash italienischen und französischen Vermouths hinzufügte, wobei er den Orange Bitters wegließ.

Dieser Cocktail wurde als „The Bronx“ weltberühmt, und nach Aussage Solons nannte er ihn so nach den seltsamen Tieren, die er im Zoo des New Yorker Stadtteils Bronx gesehen hatte – weil manche seiner Gäste ihm nach dem Genuss dieses Cocktails ebenso seltsam vorkamen wie diese Tiere! – Damit war die Grundlage für den Income Tax Cocktail geschaffen – für diesen fügte man nur noch etwas Angostura hinzu, und fertig war der neue Cocktail!

Erstmals schriftlich fixiert wurde dieser Cocktail 1930 im berühmten Savoy Cocktail Book:

1 Dash of Angostura Bitters

The juice of ¼ an orange

¼ French Vermouth

¼  Italian Vermouth

½ Dry Gin

Basis für den Income Tax ist Gin, der mit gleichen Teilen Noilly Prat und Martini bzw. Dolin sowie Orangensaft versetzt wird. – So weit entspricht er genau dem „The Bronx„, aber der Zusatz von 2 dash Angostura Bitter gibt dem Cocktail eine ganz eigene, würzige Note, die NICHTS mit dem bitteren Nachgeschmack einer Einkommensteuererklärung zu tun hat. Deswegen firmierte der Income Tax Cocktail auch gelegentlich unter der Bezeichnung „The Bronx mit Bitters“ oder auch als „Maurice„, wobei der Maurice allerdings keine Bitters verwendet, sondern ein wenig Absinth.

Sowohl The Bronx als auch der Income Tax Cocktail, die sich lange Jahre großer Beliebtheit erfreuten, verloren aber mehr und mehr die Gunst seriöser Genießer, als man begann, den frischen Orangensaft durch Orangensaft aus der Flasche oder gar dem Tetrapak zu verwenden: Beide Cocktails benötigen UNBEDINGT frisch gepressten Orangensaft, um wirklich gut zu sein!

Rezept von 1942:

4,5 cl Gin

2 cl trockener Vermouth

2 cl süßer Vermouth

Saft einer Viertelorange (direkt in den  Shaker gepresst)

2 dash Angostura Bitters

Auf Eis shaken und in ein Cocktailglas strainen

Mit Orangenzeste garnieren

***

Modernes Rezept von Gary Regan:

6 cl Gin

0,75 cl süßer Vermouth

0,75 cl trockener Vermouth

4 cl frischer Orangensaft

Angostura Bitters nach Belieben

Orangenzeste

Auf Eis shaken und in ein vorgekühltes Cocktailglas strainen

Sieht man sich die obigen Rezepte an, stellt man fest, daß die moderne Version wesentlich kräftiger ausfällt als das Original, bei gleichzeitig stark zurückgefahrenen Vermouth-Anteilen. Die Tendenz zu immer höherem Gin-Anteil, wodurch der Cocktail immer „trockener“ wird, ist also dieselbe, die der berühmte Martini Cocktail in den vergangenen Jahrzehnten erfahren hat – und letztendlich könnte man den Income Tax als eine Variation des Martinis betrachten, die sich im Prinzip nur durch die Hinzufügung von Orangensaft unterscheidet!

In diesem Sinne: Ein frohes Zwischenprost!

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